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Berlin 2011

Ein Flug, den wir so schnell nicht vergessen werden.

Seit vielen Jahren war es mein Wunsch mal den Hochleistungsmotorsegler Stemme S10 zu fliegen. Nach einem Messekontakt zum Hersteller auf der AERO in Friedrichshafen (auch immer eine Reise Wert!) bekam ich eine Einladung von der Firma Stemme zu einer Werksbesichtigung und zu einem Probeflug.

Da der Betrieb direkt am Flugplatz Strausberg beheimatet ist, lag es nahe, den Besuch mit einem schönen Flug mit unserer D-KAMY zu verbinden.

Mit Eddi war auch schnell ein begeisterter Mitflieger gefunden, und schon steckten wir mitten in den Flugvorbereitungen.

 

Am Freitag den 24.06.2011 ging es dann endlich los:

Morgens um 7.30 Uhr am Platz (vielen Dank an Heinz für die Flugleitung) wurde das bewusst minimalistische Reisegepäck verstaut und voller Vorfreude und Spannung ging es auf die 27 in Lünen.

Der Himmel war grau, Basis knapp 2000ft, kräftiger Wind aus West und in der Hoffnung auf weiter ansteigende Basis ging es dann Richtung Osten zur ersten großen Hürde, dem Teutoburger Wald. Würde die Sicht für ein sicheres  Überqueren reichen? War schon spannend. Als Segelflieger ist man bei solchen Wetterlagen normalerweise Platzrunden fliegen gewohnt. Als der Teutoburger Wald in Sicht kam, zeigte sich ein ausreichender Abstand zwischen Baumwipfeln und Wolkenuntergrenze und wir konnten sicher darüber hüpfen.

Die Bedingungen auf dem weiteren Weg wurden zunehmend schlechter und das Weserbergland entwickelte sich zu einem ernst zu nehmenden Hindernis. Eddi und ich entschieden uns zu einer Zwischenlandung in Porta Westfalica um ein weiteres Ansteigen der Basis abzuwarten. Nur blöd, wenn die Kameraden morgens noch schlafen und keiner auf unsere Funksprüche reagiert. Dann blieb uns nur noch eine Alternative: Bückeburg, ein Militärplatz, der normalerweise für uns Zivilisten tabu ist.

Die Controllerin auf dem Turm erteilte uns dann nach wenigen Minuten und vermutlich vielen Rückfragen bei Vorgesetzten, die Landegenehmigung. Schon ganz schön lustig, mal wieder so richtig vorschriftsmäßig zu funken - nach der Landung bekamen wir ein Abstellplatz zugewiesen, und mussten am Flugzeug warten, bis wir abgeholt wurden. Im Tower wurden wir freundlich empfangen und nach Wettertipps (keine Wetterberatung! Anm. des Meteorologen) entschlossen wir uns mit dem Wissen, das keine böse Überraschung vor uns, dafür aber jede Menge Regen hinter uns war, zum schnellen Weiterflug. Da wir nun sicher sein konnten, auf Kurs VFR-konforme Sichten und Basishöhen anzutreffen, flogen wir entspannter, aber immer noch in ungewohnt schlechten Bedingungen weiter.

Je näher wir Berlin kamen, umso besser wurden Sicht und Wolkenuntergrenze. Als Ausgleich dafür traten aber immer mehr Schauer auf, so dass der Puls dann noch weit vom Ruhepuls entfernt war. Wir überquerten die Elbe nördlich von Magdeburg, hatten als Leitlinie die A2 und die Schauer warteten in aller Ruhe über Berlin auf uns.

Über Berlin sah es dann so aus:

 

Schauer über Berlin

Die Türmer in Berlin Schönefeld waren klasse, und wir durften die vorgeschriebene VFR-Route verlassen, um den Schauern auszuweichen. Eddy war mit Navigation, Karten falten, Mitschreiben und Rausgucken mindestens genauso gut beschäftigt, wie ich mit dem Funkverkehr, der Luftraum-  und Wetterbeobachtung und dem Höhe halten. Die Turbulenzen in Schauernähe waren ganz schön knackig und irgendwie war das in Summe ganz schön anspruchsvoll. Zitat von Schönefeld Turm: ? D-KAMY können Sie vielleicht noch 10 Grad nach links, sonst kriege ich Probleme mit dem anfliegenden Verkehr! Haben wir natürlich gemacht .Und das sah dann so aus: 

Aber egal, wir haben ja Holzflächen und Holz schwimmt bekanntlich ;-)) Außerdem war das ein gutes Training für den Rückflug, aber dazu später mehr.

Der Weiterflug nach Strausberg war dann problemlos, und wir landeten vor dem nächsten dicken Schauer in Strausberg

  

Auf dem Vorfeld stand das Objekt der Begierde:

Der Service in Strausberg war erstklassig und 15 min nach der Landung stand die MY schon gut bewacht von einer Citation1 und anderen tollen Flugzeugen in der Halle. Wir mußten übrigens nicht waschen, da bei dem Wetter noch nicht mal Mücken und Co unterwegs waren.

Praktisch, machen wir jetzt immer so?

 

Andreas Hebner von Stemme meldete sich direkt nach unserer Landung per Handy und ohne weitere Verzögerung saß ich schon wieder in einem Flugzeug:

Testflug

Der nun folgende Flug war ein absolutes Highlight und führte von Strausberg über den Oderbruch Richtung Polen und bei besten thermischen Bedingungen konnte ich die Stemme sowohl im Segelflug als auch im Motorflug für 1:17 h fliegen.

Natürlich bekam Eddi dann auch noch die Gelegenheit die S 10 zu fliegen und war dann ähnlich lange mit Andreas unterwegs.Mit meiner Begeisterung für dieses Flugzeug habe ich seit dem wohl so manchen Kameraden in Lünen genervt oder angesteckt, aber dieser Flug wird wohl für lange Zeit zu meinen schönsten fliegerischen Erlebnissen zählen.

Diesem Gesichtsausdruck muss man nichts hinzufügen?

Anschließend folgte noch eine Werksbesichtigung und wir bekamen Prospekte und DVDs von Stemme. Die Prospekte findet Ihr in der Geschäftstelle und die DVD´ verleihe ich mit persönlicher Übergabe gerne.

Abends sind wir dann mit der S-Bahn in Berlin City gewesen und haben den Tag mit einem guten Essen ausklingen lassen.

Die Nacht verbrachten wir im "Fliegerhorst" des Flugplatzes Strausberg. Für einen fairen Preis kann man hier sehr gut übernachten. Details findet Ihr auf der Homepage vom Flugplatz Strausberg. Dieser Platz ist mit der Infrastruktur, dem Service und der Freundlichkeit des Personals sehr empfehlenswert.

 

Am Samstag ging es dann zurück:

Laut GAFOR war alles perfekt und das Wetter in Berlin war bis auf eine relativ niedrige Basis in 1400- 1700 ft vom Feinsten. Nur der kräftige Westwind, der uns am Vortag eine beachtliche GS beschert hatte, hätte gerne ein bisschen abflauen können.

Jetzt war Eddi auf dem linken Sitz der PIC und ich war für das ?Büro? zuständig.

Der Controller auf dem Turm in Schönefeld hatte am frühen Samstagmorgen noch nicht viel zu tun und überraschte uns mit dem Funkspruch auf allerfeinstem berlinerisch:

"He, Jungs ick hab da noch ´nen Goodie für Euch! Gleich landet der DREAMLINER von Boeing das erste Mal in Deutschland und ich führe Euch zum Anflugbereich von Tegel, dann könnt Ihr datt Ding in der Luft sehen."

Eddi folgte den Anweisungen des Controllers und dann haben wir dieses neue Flugzeug tatsächlich aus sicherem Abstand im Landeanflug beobachten können. Einfach toll. Als die Boeing am Boden war, lotste uns Schönefeld Turm wieder Richtung Pflichtmeldepunkt Whisky und verband das gleich mit einer Sightseeing Tour über Berlin.

Der Controller entpuppte sich als erstklassiger Fremdenführer und wir wussten jederzeit, was wir gerade an Sehenswürdigkeiten unter uns sahen. Da war z.B. das alte Olympiastadion, der Wannsee, die Avus, der stillgelegte Flugplatz Tempelhof, etc.

 

Wir verließen die CTR Berlin Richtung Westen und flogen begeistert und relaxed nach Hause.

 

Lt. Wetterbericht sollte am Nachmittag eine Warmfront aufziehen, und wenn die Wetterfrösche ausnahmsweise Mal recht gehabt hätten, wären wir auch rechtzeitig vor dem Regen in Lünen gewesen. Wir waren wegen des Westwindes verdammt langsam: Groundspeed teilweise kleiner 100 km/h. Da haben wir schon manchmal an die Stemmegedacht?.

Wir waren langsam und die Warmfront war schnell, und es kam wie es kommen musste:


Absinkende Basis, schlechter werdende Sicht und das Weserbergland vor uns. Da wurde uns schon ein wenig mulmig?Aber da das schlechte Wetter ja vor uns lag und uns nicht von hinten überraschen konnte, haben wir unseren Kurs geändert und sind dann von Flugplatz zu Flugplatz geflogen. So hatten wir immer einen ?Plan B? und die Entscheidung weiter zu fliegen, konnte nach den lokalen Wetterverhältnissen jeweils für überschaubare Teilstrecken getroffen werden. Wir hangelten uns von Platz zu Platz und kamen bis zum Teutoburger Wald. Oerlinghausen kam in Sicht, und der gute alte Hermann zwinkerte uns gut gelaunt zu, als wir den Teuto zum 2. Mal auf dieser Reise ?bezwangen?.

 

Die Warmfront hatte wohl keine Lust das Wasser über die Hügel zu schleppen und unsere Erleichterung, die letzte orographische Hürde genommen zu haben, wich einer wichtigen Erkenntnis: Warmfronten bringen Regen!!! Die Untergrenze war nicht mehr so dolle, aber die Sicht war überraschend gut.

Von Heinz bekamen wir per SMS schlechte Wetterinfos aus Lünen und so landeten wir sicherheitshalber in Hamm. Die Jungs auf dem Turm haben bei dem Wetter nicht mit Besuch gerechnet, und zeigten sich ganz schön erstaunt.

Über 400 Km geflogen und die letzen 25 Km mit dem Bus?! Das geht gar nicht! Also noch mal Wettercheck in Hamm und die letzte Etappe in Angriff genommen. Zwischen Hamm und Lünen war die Sicht trotz des mittlerweile kräftigen Regens immer noch ausreichend und wir landeten absolut Happy, nach insgesamt 7:21 h für Hin- und Rückweg, und um viele Erfahrungen und Eindrücke reicher, in Lünen

Es war ein tolles Erlebnis und die Ideen für den nächsten großen Flug schwirren schon in unseren Köpfen herum?

15.07.2011 - Ralf Hille